Michael Rothschuh: Community Organizing in den USA - Überblick 2010 - erweiterte Fassung als pdf-CO-2010

 

Es gibt vor allem in den USA eine Vielzahl von „Community Organizations“ mit ganz unterschiedlichen Zielen, Organisationsformen und Zusammensetzungen. Dafür gibt es keine allgemein gültige Definition.

Was ist Community Organizing?

CO Dreieick

Unter „Community Organizing“ (CO) wird meistens der Aufbau und die Entwicklung von BürgerInnen-Organisationen verstanden, die eine doppelte Zielsetzung haben:

  • die Veränderung von Machtbeziehungen, so dass die Menschen, die weder über Institutionen noch viel Geld über Medien verfügen, sich nicht mehr als ohnmächtig erfahren und den Inhabern von Machtpositionen „auf gleicher Augenhöhe“ gegenüber treten;
  • die konkrete Verbesserung der Lebenslage von Menschen aus den mittleren und unteren Schichten vor allem im lokalen Zusammenhang.
Community

bezieht sich auf:

  • die soziale Dimension einer Nachbarschaft eines Quartiers,
  • einen Stadtteils, eine Stadt, eine Region,
  • eine bestimmte Bevölkerungsgruppe mit gemeinsamen Interessen oder Lebenssituationen.


Mit Community ist zugleich auch ein Bewusstsein und die Erfahrung von Gemeinsamkeit und „Gemeinschaft“ gemeint. Das bedeutet einerseits geteilte Werte (z.B Menschenrechte für alle, Gerechtigkeit, Toleranz), andererseits eine Vielfalt von Alter, Herkunft, Geschlecht, Glaubensrichtungen, Lebensvorstellungen, um mit den ja durchaus unterschiedlichen Interessen des lokalen Umfelds zu korrespondieren. Community bedeutet nicht, dass eine Gleichförmigkeit des Denken angestrebt wird, wohl aber, dass man aber gemeinschaftlich handlungs-mächtig wird.

Organizing

Dazu gehört wie bei jeder anderen Organisation auch der formale Anteil: Satzung, Geschäftsordnung, Büro, Ordnung der Finanzen, Mitarbeiterstruktur, Treffen, Entscheidungsstrukturen. Wird dieser Anteil zu leger gehandhabt, kann das fatale Folgen haben, wie sich gerade derzeit bei ACORN gezeigt hat (s.u.).

Spezifischer ist aber bei Community Organizing der soziale und Kommunikationsprozess:

  • Aufbau von handlungs- mächtigen öffentlichen Beziehungen
  • Entwicklung und Förderung von Führungspersonen,
  • Herausfinden von Themen (Issues), die gezielt angegangen werden
  • Machtanalyse,
  • Entwicklung von Strategien und Taktiken
  • Durchführung und Auswertung von Aktionen und Kampagnen
  • Fundraising
Geschichte des CO in den USA

In seinem Selbstverständnis nimmt CO oft Bezug zur amerikanischen Revolution und den sozialen Bewegungen in den USA.

Stationen des CO sind u.a.:

 

  • Um 1900: Organisieren der Nachbarschaften: Hull House (Jane Addams)
  • 1930-50er: Orientierung an der Bildung von Power (Saul Alinsky)
  • 1960er: Beziehungen zur und Lernen von der Bürgerrechtsbewegung
  • 1970er: teilweise verflochten mit staatlichen Programmen, wie z.B. dem Community Reinvestment Act von 1977, der die Praxis beenden sollte, dass Banken nicht in benachteiligten Gebieten investieren
  • 1990er: Verknüpfung von lokalen und nationalen Themen und Forderungen
  • 2008: Wahlkampagne Barack Obama mit Organizing-Methoden und zugleich massive Angriffe auf CO durch die politische Rechte
  • 2010: Auflösung von ACORN, Bildung von neuen Organisationen, Generationswechsel in traditionellen CO-Netzwerken

Saul Alinsky (1909-1972) ist die zentrale Person, an dem sich Vertreter wie Gegner des CO orientieren; einige Organisationen einwickeln ein „Post-Alinsky-CO“. Stationen seines Lebens waren:

  • 1926 Studium Archäologie, Soziologie, Kriminologie
  • 1939 Back of the Yards Neighborhood Council (BYNC)
  • 1949/68 IAF als Beratungsorganisation/ als Trainingszentrum
  • 1946/1969 Reveille (Weckruf) for Radicals
  • 1971 Rules for Radicals – Progressive Primer für Realistic Radicals

Biographie und Bibliographie siehe Szynka, 2005

Organisationsformen

Möglich sind verschiedene Formen, die sich auch überschneiden können:

  • eine eher informelle, aber nicht nur auf ein einzelnes Ziel ausgerichtete Gruppe; vor allem für solche Gruppen gibt es das fortlaufend weiter entwickelte kanadische Online- Handbuch von Dobson;
  • eine Organisation mit Einzelmitgliedern aus den jeweiligen Stadtteilen, Orten, Communities. Herausragend ist ACORN, bei dem die einfachen Leute aus den benachteiligten Stadtteilen mit ihren Mitgliedsbeiträgen einen wesentlichen Teil der Finanzierung tragen;
  • eine Organisation von bereits bestehenden Organisationen: Es bildet sich eine örtliche stadtteil- oder stadtbezogene Organisation aus Kirchengemeinden, Synagogen und Moscheevereinen, BürgerInnengruppen und -vereinen, Gewerkschaftsgruppen, Nachbarschaftsclubs u.a.. Diese wiederum gehören zu und werden teilweise initiiert von Netzwerken wie IAF, DART, PICO u.a. Weil die Gemeinden meistens den Kern bilden, wird dieses unter „Faith bzw. Congrational Based Community Organizing“ (FBCO/CBCO) zusammen gefasst;.
  • für einzelne Themen oder Forderungen werden zudem oft Koalitionen gebildet, die auch quer zu den Netzwerken organisiert sein können.
Organizing als Beruf

Organizer werden vor allem von größeren Organisationen und von Netzwerken eingestellt.

Dabei wird auf Erfahrung mehr Wert als auf akademische Ausbildung gelegt.

ACORN begnügt sich mit einer kurzen Einführung und wählt dann langfristig arbeitene Organizer aufgrund ihres jeweiligen Erfolges aus, die CBCO-Netzwerke bieten eine gründliche Trainingseinheiten und Supervision und stellen dafür wenige, aber gut bezahlte Organizer ein.

Themen und Forderungen

CO geht von konkreten lokalen Problemen aus, die von den BewohnerInnen als dringlich angesehen werden; daraus entwickelt CO spezifische Forderungen an konkrete Personen sowie Aktionen, mit denen Verhandlungen auf Augenhöhe durchgesetzt werden. Beispiele sind Gentrifizierung, Bebauungspläne, Mieterschutz, Öffentlicher Nahverkehr, Freizeitflächen, Sicherheit im Quartier, Schulsituation, Gesundheitsgefahren.

Aber anders als in den 1930-60er Jahren ist es nicht mehr unbedingt der Bürgermeister, der Fabrikbesitzer, der Hausbesitzer oder die örtliche Bank, die entscheiden und damit die reale Lebenslage verbessern können, sondern man braucht dafür überörtliche Regeln und Gesetze (im County, dem Staat, der USA oder auch internationalen Gremien).

Die meisten Netzwerke des CO entwickeln deshalb über die örtlichen Zusammenhänge hinaus Forderungen und Kampagnen u.a. zu:

 

  • Arbeitsmöglichkeiten (Jobs)
  • Gesundheit (Health Care)
  • Einkommen, von dem man leben kann (living wage)
  • Stadtentwicklung, die die Bewohner nicht verdrängt (gegen Gentrifikation)
  • Mieterrechte und Schaffung von akzeptablem Wohnraum (Housing)
  • Hausbesitz auch für ärmere Schichten
  • Verbesserung der Schulsituation (Education Organizing)
  • Schutz vor „räuberischen Kreditbedingungen“ (Predatory Lending)
  • gegen Privatisierung und eine Politik der Steuersenkung
CO und Politik

Umstritten ist das Verhältnis zur direkten Einmischung in Politik. ACORN stellte auch teilweise eigene Kandidaten für Wahlämter (deren gibt es in den USA viele) auf und hat sich teilweise bei der Bildung einer 3. Partei engagiert. Mehrere Organisationen unterstützen die Registrierung von Wählern, so dass mehr unterprivilegierte Amerikaner wählen gehen; oft kommen diese Stimmen den Demokraten zu Gute. Rechtlich ist der Spielraum eingeschränkt für steuerbefreite Organisationen. Bei einigen Themen (z.B. Living Wages) zielen Kampangen auf Volksabstimmungen.

In der Wahlkampagne 2008 hat Obama viele Methoden des Organizing angewendet und auch eine Bewegung „Organizing for America“ gegründet, die auch nach der Wahl weiter fortbesteht.  Oft wird seither CO mit solchen Wahlkampagnen verwechselt.

Dynamik des CO

Zu einem Aktionszyklus gehören meistens

  • door knocking: an die Tür der Leute klopfen und mit ihnen über konkrete Probleme, Lösungsmöglichkeiten und ihre Bereitschaft selbst etwas zu tun, sprechen
  • Bei der Identifizierung von „Issues“ : Welches Thema
    • ist gewinnbar,
    • spaltet die Leute nicht,
    • stärkt die Organisation und
    • verbessert die Lebenssituation?
  • Personalisieren: wer ist verantwortlich und kann die Forderung erfüllen?
  • Leader finden: Gute Leader sind nicht rigide, können zuhören und wissen, dass ihre Macht von den Leuten kommt
  • Öffentliche Veranstaltungen (Accountability, Rechenschaft, Verantwortung):
  • Verhandlungen auf gleicher Augenhöhe
ACORN

ACORN (Association of Community Organizations for Reform Now)

Personen und Familien in benachteiligten Stadtteilen werden als Mitglieder geworben und zahlen Mitgliedsbeiträge. Dafür werden sie in der Durchsetzung ihrer Interessen unterstützt und profitieren von Erfolgen, die zum Teil auch die Mitglieder gegenüber anderen Bewohnern bevorzugen. ACORN war die größte Organisation mit persönlicher Mitgliedschaft in den USA mit, wie ACORN darstellte, bis zu 400.000 Mitgliedern.

Die schnell gewachsene Organisation erbrachte viele Erfolge auf lokaler und staatlicher Ebene, aber sie hatte auch mit erheblichen Problemen zu tun:

  • große Fluktuation der schlecht bezahlten, aber oft hoch motivierten Mitarbeiter
  • Konflikte in den Bereichen, wo ACORN Anbieter (z.B. von Wohnungen) wurde
  • finanzielle Unregelmäßigkeiten, die jahrelang verdeckt wurden
  • Probleme bei der Registrierung von Wählern in Staaten, die sehr unterschiedliche und komplizierte Rechtssetzungen hatten

Dies bot Feinden von ACORN Chancen, mit Diffamierungskampagnen und teilweise ganz falschen Anklagen ACORN die Glaubwürdigkeit zu entziehen und damit die Geldquellen.

Am 2.11.2010 gibt das geschäftsführende Vorstandmitglied Bertha Lewis auf der Seite von ACORN das „Ende einer Ära“ mit der Anmeldung des Konkurses von ACORN bekannt:

„Seit über 40 Jahren hat ACORN den guten Kampf gekämpft. Von ein paar anfänglichen Nachbarschaft in Little Rock, Arkansas wuchsen wir zu einer großen, aktiven, nationweiten Organisation- Familien mit niedrigem und mäßigem Einkommen, meistens farbige Menschen arbeiten zusammen, um ihre Gemeinden zu einem besseren Ort zu machen. Wir halfen den Menschen zu erkennen, dass sie etwas verändern können.“

Ob ACORN damit wirklich Geschichte ist, kann man noch nicht sagen. Jedenfalls gibt es eine Reihe von Nachfolgeorganisationen, teilweise mit der gleichen Adresse, wie:

 


Über die Geschichte und das Ende von ACORN berichtet John Atlas in seinem Buch, 2010.

Netzwerke des CO
  • Berufsorganisation NOA : National Organzier Alliance, mit einer online-Zeitschrift The Ark Magazine, die sich im Sommer 2010 mit dem Ende von ACORN und der Bedeutung, die dieses für CO hat, auseinandersetzt
  • National People Action NPA: (200 Organisationen)
  • PICO Natinal Network: People Improving Communities Through Organizing, (In 17 Staaten der USA, in Mittelamerika sowie in Ruanda)
  • Center for Community Change: Entwicklung von Kampagnen, Ausbildung einer neuen Generation von Leadern, Forschung zur Geschichte und dem Enagagement der Organizier
  • Direct_Action_and_Research_Training_Center (DART), gehört zum CBCO, Aufbau von über 20 lokalen angeschlossenen Organisationen und Kurse für mehr als 10.000 lokale Leader sowie 150 professionelle Organizer seit 1982
  • Gather The People,  , CO-Netzwerk, das zur Lebendigkeit der jüdischen Gemeinden, aber auch ihrer Beteiligung an Veränderungen der größeren Community beitragen soll
  • Gamaliel, ein christlich geprägtes Netzwerk, in dem Barack Obama als Organizer gearbeitet hat.
Industrial Areas Foundation

Die Industrial Areas Foundation (IAF) hat schon deshalb eine besondere Bedeutung, weil sie u.a. von Saul Alinsky gegründet wurde aber auch deshalb, weil sie den Organisationsbildungsprozess und die Trainings sehr elaboriert ausgearbeitet hat. Seit Alinskys Tod 1972 war Ed Chambers ihr Exekutive Director; 2010 ging Chambers in den Ruhestand, seitdem gibt es eine kollektive Leitung. Stärker als andere CBCO-Netzwerke setzt IAF auf Diversität und bezieht auch moslesmische Gemeinschaften, Gewerkschaftsgruppen und andere Bürgergruppen ein.

IAF gibt als deutsche Tochtergesellschaft DICO unter Leitung von Leo Penta an. Auch die Citizens UK unter Leitung von Neil Jameson gehören zum Netzwerk der IAF.

Mobilisierungs-Kulturen

In verschiedenen Forschungszusammenhängen wurden die CBCO und ACORN miteinander verglichen, so z.B. bei Gold u.a., 2003 und bei Swarts, 2008

Swarts stellt einerseits wesentliche Gemeinsamkeiten fest:

  • Beide gehen vom Alinsky-Hintergrund aus, bei dem es um „Power“ geht
  • Vermieden wird eine Orientierung an einander abgrenzenden Rassen-, Geschlechts-, Religions- oder sexuellen Identitäten
  • Mobilisiert wird auf der Basis der Entscheidungen der betroffenen Menschen.

Unterschiede sieht sie besonders in der Mobilisierungskultur:

  • Bei ACORN, das auf direkter Mitgliedschaft von relativ armen Menschen basiert, herrscht eine instrumentelle und utilitaristische Organisationssstruktur vor, transzendierende Werte werden kaum artikuliert, die Lebensbedingungen der Armen erscheinen als selbstevidente Motivation zur Aktion. Es gibt – außer einem sehr frühen Grundsatzprogramm – keine ausgearbeitete Ideologie, vielmehr steht die zielgerichtete Mobilisierung für Aktionen im Vordergrund. es geht mehr um Resultate als um den Prozess. Ein ziemlich militanter Stil hat dabei Tausende von sonst nicht repräsentierten Amerikanern zusammen gebracht.
  • Beim CBCO, das Bürger-Organisationen auf bestehenden Organisationen aufbaut, ist dagegen eine elaborierte Organisationskultur zu finden, vor allem in Bezug auf das Finden und die Entwicklung von Leadern. Das Konzept von Macht, Selbstinteresse und Wertebezogenheit ist deutlich ausgearbeitet. Eine Praxis der one-to-one-Gespräche trägt zur kollektiven Identität bei. Rituale, die oft aus dem religiösen Bereich kommen, ihn aber auch mit einer effektiven öffentlichen Arena verbinden, prägen die Aktionen und Treffen. Die Effektivität liegt darin, dass zum einen die Mitgliedsgruppen, - gemeinden und -organisationen durch CO lebendiger und verantwortlicher für das Gemeinwesen werden, zum anderen darin, dass die Mitgliedsgruppen selbst schnell sehr viele Mitglieder zu Aktionen zusammen bringen können. Man kann wohl sagen, dass der Prozess als gleichgewichtig mit den Resultaten angesehen wird.
Finanzierung

Die Finanzierung ist bei den Organisationen, aber auch bei den verschiedenen Themen unterschiedlich; im allgemeinen versucht man, nicht zu sehr von einem Geldgeber und damit auch dessen Interessen abhängig zu sein, durch:

  • Mitgliedsbeiträge der Einzelmitglieder oder oder Mitgliedsorganisationen
  • Stiftungen und Sponsoren
  • Kirchen, auch: Catholic Campaign for Human Development
  • Staatliche Gelder für spefizische Programme.

Wenn Forderungen, wie z.B. der Community Reinvestment Act, Wohnungsbauprogramme, durchgesetzt sind, müssen die Organisationen klären, ob und welcher Weise sie sich an der Durchführung der Programme beteiligen. Denn sind sie Anbieter von Leistungen und nicht ausschließlich Vertreter der Betroffeneninteressen.

Ausbildung

Trainingsinstitute:

An den universitären Schulen für Sozialarbeit gehört Community Organizing regelmäßig zum Lehrplan, daneben gibt es einzelne Studienschwerpunkte in Studiengängen der Theologie, Kriminologie, Politikwissenschaft und Stadtplanung.

ACORN und die Netzwerke haben eigene Ausbildungsformen.

Gewerkschaftliches Organizing

CO ist in der Anfangszeit in den 1930er Jahren aus der Anaologie zum gewerkschaftlichen Organizing entstanden. Heute übernehmen Gewerkschaften, die schwer organisierbare Gruppen vertreten (Wal Mart und LIDL, häusliche Dienstleistungen, LKW-Fahrer) wieder Momente des Organizing, um in Kontakt zu potentiellen Mitgliedern zu kommen.

Kim Bobo: Ten Things You Can Do to Build Religion-Labor Partnerships
Gewerkschaft und Partner in der Community